Ein Versuch Gletschereis per Staffellauf von den Alpen nach Rom zu bringen
»... vas petitur in nubila caeloque proximae rupes cavantur, ut bibatur glacie.«
Letzten Sommer in einer Eisdiele gewesen? Aufmerksam die Eiskarte studiert und nach der Bestellung noch die Angaben zur Geschichte des Speiseeises gelesen? Eventuell gelesen, dass schon vor 2000 Jahren Kaiser Nero sich von ausgewählten Sklaven im Stafettenlauf Gletschereis aus den Alpen nach Rom bringen ließ? Wahrheit? Legende? Unmöglich?
Wir wissen doch, dass Kaiser Nero „verrückt“ war, also könnte es doch stimmen. Hat der Layouter von Eisdiele XY nur abgeschrieben von Eisdiele YX oder kann es möglich sein, dass Läufer vor 2000 Jahren so schnell laufen konnten, dass sie in Rom ankamen, bevor das Eis in ihrem Gepäck geschmolzen war?
Wenn es vor 2000 Jahren möglich gewesen ist, dann sollten wir dies im 21. Jahrhundert auch hinbekommen. Einfacher Plan: Eis aus den Alpen holen, schnelle Läufer auf den Weg nach Rom schicken und abwarten. Ein einfacher Plan – und kein Problem, neun motivierte Langstreckenläufer zu finden, die eben dies ausprobieren wollen.

Gletschereis musste es natürlich sein. Also machten wir uns im August auf zum Mont Blanc, schlugen mit einem Eispickel Gletschereis auf einer Höhe von 2000 Metern und los ging das Wettrennen. Verpackt in einer großen Thermoskanne, in einem Rucksack und entlang von Wanderwegen und asphaltierten Nebenstraßen in Richtung Rom.
So gesehen waren wir logistisch deutlich besser aufgestellt als vor 2000 Jahren. Wenn wir es nicht schaffen würden, das Eis nach Rom zu bringen, dann konnte dies vor 2000 Jahren auch nicht gemacht worden sein. Selten gab es in den letzten Jahren so motivierte Staffelläufer, die Tag und Nacht rannten – auf kleinen Wegen durch die Toskana, nachts durch menschenleere Industriegebiete und auch durch besser besuchte Rotlichtviertel.
Auf den letzten Kilometern vor den Stadtgrenzen Roms wurde die Staffel zu einem wahren Wettrennen. Nach drei durchlaufenen Tagen und Nächten war nur noch ein kleiner Eiswürfel in dem Thermogefäß vorhanden. Die spätsommerliche Hitze in Italien und die ständige Bewegung hatten den ein Kilogramm schweren Eisblock fast komplett aufgetaut. Bis wenige Stunden vor dem Kolosseum war noch ein leises „klong-klong“ im Rucksack zu hören.

Doch nach 78 Stunden und 960 gelaufenen Kilometern, entsprechend einer Geschwindigkeit von 12,3 km/h oder einem Mittel von 4:52 min/km, wurde es Gewissheit: Wir waren zu langsam. Im Thermogefäß befand sich nur noch Wasser, zwar noch kalt – aber ohne Eis.
Was bedeutet dies nun für die Legende aus unserer Eiskarte? Mit den Alpen kann es kaum stimmen. Wenn wir es auf heutigen gut ausgebauten Straßen schon nicht geschafft haben, wie soll dies vor 2000 Jahren der Fall gewesen sein? Schwierig ist es auch, die Originalquelle für das immer wieder kopierte Zitat von Nero, seinen Sklaven und dem Eis aus den Alpen zu finden. Es war wohl eher der Apennin gemeint als die Alpen. Aber das mit den Alpen klingt eben eindrucksvoller. So bleibt die Legende bestehen.

