EXYLE

April/Mai 2009

Tour de Pfand

Als Pfandsammler durch die Republik

2500 Kilometer durch alle Bundesländer – ohne eigenes Geld, nur mit dem, was am Straßenrand an Pfandflaschen und Pfanddosen zu finden war.

Als Pfandsammler durch die Republik

»Erfreulich ist [...], dass die Pfandpflicht zu einer wesentlichen Verringerung der Umweltbelastung im Einwegbereich geführt hat: [...] Die Vermüllung der Landschaft mit leeren Dosen und Plastikflaschen ist praktisch gestoppt.«

Pressemitteilung Bundesumweltministerium, 29.10.2008

Wenn stimmt, was das Bundesumweltministerium im Oktober 2008 unter der Überschrift »Dosenpfand wirkt« veröffentlichte, dürfte es eigentlich nicht möglich sein, mit aufgesammelten Pfanddosen und -flaschen eine mehrwöchige Radreise durch Deutschland zu finanzieren. Allerdings ist genau das Gegenteil der Fall: Man kann 2500 Kilometer durch alle Bundesländer zurücklegen und nur von Pfandgeld leben.

Ohne Bargeld und Kreditkarte bin ich an einem Donnerstag im Mai 2009 am Kölner Dom aufgebrochen, um eben dies auszuprobieren. Die Idee zur »Tour de Pfand« kam mir nicht durch die Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums, sondern ein Jahr zuvor: 2008 war ich vom Mittelmeer kommend mit dem Rad von Trier aus in die Eifel unterwegs. Auf den Straßenrändern lagen Unmengen an Bierdosen, und irgendwann kam der Gedanke auf, dass ich mir in Bitburg oder anderswo eine Pizza leisten könnte, wenn ich sie alle aufsammeln würde.

Ein Jahr und ein paar Testfahrten später war es soweit. Von Köln aus ging es nach Norden Richtung Hamburg, dann nach Berlin, weiter in den Süden, durch Bayern und Baden-Württemberg und schließlich wieder nach Norden. Alles mit dem Mountainbike, Werkzeug, Bekleidung, Zelt, Isomatte, Kocher und Müllsäcken für Leergut.

Überall gibt es etwas aufzusammeln
Pfandsuche unterwegs

Geschlafen habe ich dort, wo es möglich war. Gesammelt habe ich, was ich während der Fahrt am Straßenrand fand – täglich umgerechnet knapp vier Euro. Die gesamte Strecke wurde auf dem Fahrrad zurückgelegt, im Schnitt 115 Kilometer pro Tag. Der Schwerpunkt meiner Sammeltätigkeit lag außerhalb geschlossener Ortschaften, sprichwörtlich im Straßengraben.

Ein Problem der ersten Tage war, dass es auf dem Weg nach Norden weniger zu finden gab als eingeplant. Hunger und die Ungewissheit, was der nächste Tag bringen würde, gehörten dazu. Nachdem ich aber realisiert hatte, dass sich immer etwas finden lässt, und nach Hamburg meine Fundquote und damit meine Einnahmen wieder stiegen, war ich optimistisch, die Rundfahrt zu Ende bringen zu können.

Es ist erstaunlich, mit wie wenig man auskommen kann. Drei Euro reichten, um satt zu werden, auch wenn meine Leistungsfähigkeit nachließ – wie eine Rentnergruppe in Thüringen feststellte: »Der bringt ja auch nix auf der Kette!« Danke für die Motivation an dieser Stelle.

Motivation erhielt ich aber auch auf andere Weise. So schenkte mir ein Obdachloser außerhalb von Hamburg einen Euro, als ich hungrig, aber pleite vor einem Supermarkt stand: »Bei mir läuft’s gerade gut.« Auch das werde ich nie vergessen.

Ausbeute eines Tages
Ausbeute eines Tages

Erstaunlicherweise stellte sich die Eifel als Pfand-am-Straßenrand-Hotspot heraus. Dort brachte ich es auf unglaubliche elf Euro Pfandgeld pro Tag. Besonders interessant war die Fahrt von Trier in die Eifel, genau dort, wo die Idee entstanden war: Dutzende Bierdosen am Straßenrand, aber fast alle ohne Pfandzeichen. Die Dosen waren offenbar für den Export bestimmt, lagen aber dennoch bei uns im Straßengraben. Ob das mit der Spangdahlem Air Base zu tun hatte, konnte ich nicht herausfinden.

Vielleicht hat das Bundesumweltministerium ja doch recht. Um es wirklich vergleichen zu können, hätte ich diese Tour allerdings schon einmal vor Einführung des Dosenpfandes machen müssen.